Mit dem Wort „Hernie“ können nur wenige etwas anfangen, den „Leistenbruch“ dagegen kennt jeder. Er ist die bekannteste Art einer Hernie, in diesem Fall eine Lücke im Leistenkanal, bedingt durch schwaches Bindegewebe. Hernien sind Öffnungen in der Bauchwand, auch Bruchpforten genannt, durch die sich Darm oder Fettgewebe hindurchdrücken können. Je nach Lokalisation unterscheidet man Leistenhernien, Nabelhernien, Narbenhernien und Oberbauchbrüche. Diese können, wie das Wort Bruch suggeriert, im Verlaufe des Lebens plötzlich auftreten, man kann aber auch bereits mit einer Hernie geboren werden.
Erstmal beobachten oder gleich operieren?
Nicht jede Hernie muss sofort operiert werden. Die Größe und Art der Bruchlücke sowie der gesundheitliche Zustand des Patienten spielen eine wichtige Rolle. Notfall oder gut planbare OP? Ambulant oder stationär? Minimal-invasiv oder offen chirurgisch? Arzt und Patient treffen die Entscheidung gemeinsam. Auch wenn es bei kleinen Hernien nicht immer sofort einer Operation bedarf und es gelegentlich genügt, zunächst ihre Entwicklung zu beobachten: Bei Verdacht auf einen Bauchwandbruch sollte man immer zeitnah einen Spezialisten aufsuchen, um Notfälle zu vermeiden. Wurde beispielsweise bereits Darm durch die Bruchpforte hindurchgedrückt und eingeklemmt, liegt ein Notfall vor. Das Risiko ist hoch, dass ein lebensbedrohlicher Darmverschluss entsteht oder der abgedrückte Teil des Darms abstirbt. Bei eingeklemmtem Darm muss innerhalb von Stunden operiert werden.
Leistenbruch (Leistenhernie)
Im Leistenkanal erfolgt die Versorgung meist als offenes Verfahren oder minimal-invasiv. Bei ersterem wird die Haut oberhalb des Bruchs mit einem circa fünf Zentimeter langen Schnitt eröffnet. Die Bruchpforte wird anschließend mit einem Kunststoffnetz (Gitter) stabilisiert. Besonders größere Brüche erfordern den Einsatz der Kunststoffnetze. Diese sind in der Regel sehr leicht, decken den Defekt ab und werden vom Körper im eigenen Bindegewebe eingebaut. So kann die Lücke ohne ungünstige Spannungskräfte (Tension-free) verschlossen werden. Der Vorteil ist ein erheblich geringeres Rezidiv-Risiko (Rezidiv = Wiederholungs-Bruch). Dieses Prinzip wird bereits seit über 30 Jahren, mittlerweile flächendeckend, angewandt. Unvorhersehbare Folgen oder Spätschäden wie zum Beispiel die netzbedingte Entstehung bösartiger Tumoren sind daher äußerst unwahrscheinlich. Vorteil ist, dass keine relevante Eröffnung der Bauchhöhle notwendig ist. Außerdem kann noch während der OP die Entscheidung zu einem netzfreien Verfahren gefällt werden. Nachteil ist eine etwas größere Narbe verglichen mit minimal-invasiven Techniken, wie der TAPP-Technik.
Hierbei wird die Hernie über eine Bauchspiegelung behandelt. Drei kleine Schnitte in der Bauchwand reichen, um die Bruchpforte von innen mit einem Netz zu verschließen. Nachteil ist der Zugang über die Bauchhöhle und die zwingende Verwendung des Netzes. Welches dieser und weiterer Verfahren infrage kommt, hängt von Art, Größe und Lokalisation des Bruches sowie dem Wunsch des Patienten ab.
Wie ein Leistenbruch ist eine Nabelhernie eine Lücke in der Bauchwand, nur eben im Bereich des Bauchnabels. Weil der Nabelbruch oft angeboren ist, sind vor allem Kleinkinder betroffen, aber das ist für Eltern kein Grund zur Panik: Ganze 20 Prozent der Babys haben diese Hernie und meist schließt sie sich in den ersten Lebensjahren von allein. Bei Erwachsenen kann es durch eine Schwangerschaft, schweres Heben oder zum Beispiel aufgrund von schwachem Bindegewebe und Übergewicht zum Nabelbruch kommen – und der ist nicht immer harmlos. Denn auch hier kann es durch das Austreten und Einklemmen von Teilen des Darms zu einer Notfallsituation wie Darmverschluss oder einer Entzündung des Bauchfells kommen. Daher gilt bei Kindern und Erwachsenen: Wenn sich im Nabelbereich eine Beule bildet oder Schmerzen auftreten, sollte man zum Arzt gehen.
Wann muss operiert werden?
Hat sich der Nabelbruch bei dreijährigen Kindern noch immer nicht geschlossen, ist es Zeit, über eine operative Lösung nachzudenken. Weil Nabelbrüche sich bei Erwachsenen nicht von selbst schließen, ist ein Eingriff früher oder später meist unumgänglich. Frauen können sich nach einer Schwangerschaft jedoch im Normalfall Zeit damit lassen, wenn die Bruchpforte nicht zu groß ist. Die Größe der Bruchpforte entscheidet auch mit über die geeignete Operationsmethode. Ist die Lücke in der Bauchwand kleiner als zwei Zentimeter, wird meist offen operiert und der Bruch vernäht. Größere Lücken werden wie beim Leistenbruch mit Hilfe eines Kunststoffnetzes geschlossen. Ob dieses während einer offenen oder laparoskopischen Operation eingesetzt wird, entscheiden Arzt und Patient gemeinsam. Meist wird die minimalinvasive Variante favorisiert, da sie die Narbenbildung reduziert und nach der OP weniger Schmerzen verursacht.
Narbenbruch (Narbenhernie)
Damit es zu einem Narbenbruch kommen kann, muss bereits eine Narbe vorliegen. Das heißt, Betroffene sind im Verlauf ihres Lebens irgendwann im Bauchraum operiert worden, ob aufgrund einer Schwangerschaft, einer Krebserkrankung oder zum Beispiel zur Entfernung von Gallensteinen. Immer, wenn bei einem Eingriff die Bauchwand geöffnet werden muss, ist an dieser Stelle auch nach der Heilung das Bindegewebe geschwächt und kann unter hohem Druck unter Umständen nachgeben, meist bereits in den ersten zwölf postoperativen Monaten. Auch der Narbenbruch macht sich durch eine Ausbeulung im Bereich der Narbe bemerkbar und sollte ärztlich abgeklärt werden, denn neben einer möglichen Darmeinklemmung besteht auch die Gefahr, dass die Lücke immer weiter wächst. Im Rahmen einer Operation kann sie per Netz oder Naht geschlossen werden – allerdings sollte die verursachende Bauchoperation möglichst mindestens drei Monate zurückliegen.
Oberbauchbruch (epigastrische Hernie)
Eine seltene Form der Hernie ist der sogenannte Oberbauchbruch. Hier entsteht zwischen Bauchnabel und Brustbein ein Loch in der Bauchwand – oder gelegentlich gleich mehrere. Besonders Männer sind von dieser Hernienart betroffen. Neben hernientypischen Schwellungen, die sich anfangs meist einfach wieder zurück in den Bauchraum drücken lassen, können auch Schmerzen im Oberbauch auf eine Bruchpforte hinweisen. Durch die hohe Lage der Hernie im Körper kommt es hier selten zum Austritt von Darmteilen, aber dennoch ist der Oberbauchbruch nicht ungefährlich. Wie Darmschlingen kann auch Fettgewebe eingeklemmt werden. Wird dieses so von der Blutversorgung weitgehend abgeschnitten, können Entzündungen, eine starke Schwellung und Schmerzen auftreten. Bei einer Operation wird der Inhalt des Bruchsacks zurück in den Bauchraum verlegt und die Bruchpforte meist per Netz verschlossen. Das Netz kann mit der Bauchwand vernäht oder an sie geklebt werden.