Interview mit Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, über die Ausbildungsstellensituation im Handwerk
„Handwerk ist mehr als eine Alternative“

Fachkräfte und Azubis werden von den Handwerksbetrieben dringend gesucht. Wie ist die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

Dr. Georg Haber

Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

5700 Azubis durchlaufen aktuell ihr erstes Ausbildungsjahr im ostbayerischen Handwerk. Die Lehrberufe in Niederbayern und der Oberpfalz mit den höchsten Lehrlingszahlen sind: Kfz-Mechatroniker, Elektroniker, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Friseur und Schreiner. Diese Top Five machen 43 Prozent der Auszubildenden im ersten Lehrjahr aus.

Im Vergleich zum Vorjahr wurden insgesamt 100 Stellen weniger besetzt. Das ist ein Minus von 1,7 Prozent. Da sich die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge von 2015 auf 2016 mit 3,8 Prozent aber spürbar gesteigert hat, werten wir die aktuelle Entwicklung nach wie vor als stabil - vor allem vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des anhaltenden Akademisierungstrends.


Wie wird versucht, mehr Jugendliche für das Handwerk zu begeistern?

Die Betriebe setzen auf ein erweitertes und gezieltes Ausbildungsmarketing. Sie zeigen verstärkt auf, welche Vorteile eine Handwerksausbildung mit sich bringt. Darunter: Karriereoptionen, Heimatnähe, Aufstiegschancen, Nähe zum Arbeitgeber, sicherer Arbeitsplatz und vieles mehr. Aber auch Kammern und Verbände kommunizieren verstärkt, welche Chancen die duale Ausbildung parat hält. Unter anderem mit Hilfe der Nachwuchskampagnen des bayerischen Handwerks wie "Macher gesucht" und "Elternstolz" oder auch mit der bundesweiten Imagekampagne des deutschen Handwerks.

Abitur vs. Ausbildung - woher kommt die Diskrepanz, die besonders dem Handwerk zu schaffen macht?

Leider herrscht in der Gesellschaft oftmals noch ein veraltetes Bild des Handwerks vor. Dabei haben neue Techniken und Gerätschaften viele Arbeitsschritte erheblich vereinfacht. Dennoch entscheiden sich immer noch zu viele Jugendlich für eine akademische Laufbahn, auch wenn sie nicht zu ihren Talenten und Stärken passt. Dabei ist das Lebensarbeitseinkommen eines Handwerksmeisters in der Regel höher als das eines Bachelor-Absolventen. Das liegt nicht zuletzt an Angebot und Nachfrage. In Zukunft wird der Wettbewerb hier noch mehr zugunsten des Handwerks ausschlagen. Die Chancen einer beruflichen Ausbildung und die Vielfalt der Berufe sind einfach nicht ausreichend bekannt. Immerhin gibt es bei uns 130 Ausbildungsberufe, allein im Handwerk. Auch in puncto Weiterqualifizierung eröffnet eine Lehre alle Optionen: ob man sich zum Meister weiterbildet oder Betriebswirt wird. Der Meisterabschluss berechtigt außerdem zum Hochschulstudium. Eine weitere tolle Option: In Ostbayern müssen in den nächsten zehn Jahren 11000 Handwerksbetriebe an gut ausgebildete Nachfolger übergeben werden. Kurzum: Das Handwerk ist viel mehr als eine Alternative, es bietet eine Chance für jedes Talent.

Wie lautet Ihr persönlicher Rat an Ausbildungsbetriebe, die Fachkräfte und Azubis suchen?

Werben Sie für Ihre Stärken! Im Kern geht es darum, die eigene Ausbildung als qualitativ hochwertiges Karriereangebot zu präsentieren. Klassische Methoden wie zum Beispiel die Beteiligung an Ausbildungsmessen, Berufsinformationstagen, Zeitungsannoncen, Aushänge in Schulen oder die Beteiligung an Elternabenden sind nach wie vor bewährte Vorgehensweisen. Aber im digitalen Zeitalter gewinnen das Internet und die sozialen Medien, darunter Facebook, Instagram, Twitter und Co., immer mehr an Bedeutung - auch für die Personalgewinnung. Außerdem stehen die Betriebe nicht alleine da. Viele Netzwerkpartner, ob Agenturen für Arbeit oder Innungen, unterstützen bei der Azubisuche. Natürlich auch die Handwerkskammer: Beispielsweise mit kostenlosen Ausbildungsberatungen, Informationsveranstaltungen, der App "Lehrstellenradar", Lehrerfortbildung über das Handwerk oder mit Nachwuchswerbematerialien.


Handwerk ist mehr als eine Alternative (3 Einträge)

 


Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

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Beschreibung

Handwerkskammer
  • Inhaber von Handwerksbetrieben und handwerks-ähnlichen Gewerben, die ihren Sitz im Handwerksbezirk haben
  • die Gesellen
  • andere Arbeitnehmer mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung
  • die Lehrlinge dieser Gewerbetreibenden
  • Personen aus dem Handwerk, die selbstständig eine sogenannte nichtwesentliche Tätigkeit eines Handwerks ausüben

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