Krankheiten, Panik, äußere Reize: Entstehung, Verstehen und Behandlung des Schwindelgefühls
Das Symptom Schwindel und seine Ursachen

Mediziner fassen unter dem Begriff „Vertigo“ die unterschiedlichen Ausprägungen des Schwindelgefühls zusammen. Rund jeder sechste Patient in Hausarztpraxen ist statistisch von dieser oft beängstigenden und belastenden Störung sowie von Gleichgewichtsstörungen betroffen. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit an Schwindelattacken zu erkranken. Das multisensorische Syndrom äußert sich oft durch gestörte Sinnes-Wahrnehmung sowie Augenzittern (Nystagmus), Fallneigung, gestörter Bewegungskoordination (Ataxie) oder Störungen des vegetativen Nervensystems wie Übelkeit.

Schwindel als Notfallsymptom, zum Beispiel bei einem Schlaganfall

Im Rahmen der Differenzialdiagnostik kann primär oft alleine durch eine dezidierte Anamnese und neurologische Untersuchung zwischen peripheren und zentralen Ursachen von Schwindel unterschieden werden. Bei zusätzlich erkennbaren Phänomenen wie besonderen Augenbewegungsstörungen, Feinmotorikstörungen der Extremitäten kann dann eine gezielte weitere Diagnostik mit Duplex-/Ultraschalluntersuchung der hirnversorgenden Gefäße (am Hals und im Kopf zum Ausschluss von Gefäßstenosen, Dissektionen, Gefäßentzündungen, einem Hirn-Anzapf-Phänomen etc.), elektrophysiologischer Leitungsuntersuchung des Hirnstamms und weiterer Nerven erfolgen. Hieraus ergibt sich meist, ob eine Bildgebung des Kopfes (CCT oder craniales Kernspintomogramm) notwendig ist und ob die weitere Diagnostik und Therapie ambulant oder stationär (Dreieck Ingolstadt-München-Regensburg) stattfinden sollte. Bei von vornherein eindeutigen Hinweisen für einen Verdacht auf akuten Schlaganfall sollte natürlich – nach direkter Alarmierung eines Notarztes – umgehend eine Klinik mit Schlaganfalleinheit (Stroke-Unit) aufgesucht werden.

Gestörte Funktion des Gleichgewichtsorgans

Die häufigsten Schwindelgefühle entstehen als sogenannter Lagerungsschwindel. Hier ist die Funktion des Gleichgewichtsorgans gestört. In den Gängen des Vestibularorgans im Ohr führen winzige Kristallkonglomerate, die bei Bewegung eine Reizung der Sensorzellen auslösen, zu Fehlinformationen, die an das Gehirn übersandt werden. Ein Schwindel entsteht. Dieser Schwindel zeigt sich oft beim Aufrichten im Bett oder beim Umdrehen in eine Richtung im Liegen. Er ist prinzipiell harmlos, für die Betroffenen aber oft furchteinflößend. Nach einer eingehenden Differenzialdiagnostik kann der Arzt mit Lagerungsmanövern die Kristalle aus dem Gleichgewichtsorgan herausmanövrieren.

Entzündung des Gleichgewichtsnerven (Neuronitis vestibularis)

Bei Drehschwindel mit heftigen Anfällen wird bei rund acht Prozent der Betroffenen eine Entzündung der Nerven oder der Sensoren des Vestibularorgans diagnostiziert. Als Auslöser ist hier oft eine Virusinfektion anzunehmen. Abhilfe schafft ein Zusammenspiel von Cortison, Antiemetika gegen Übelkeit und einem Gleichgewichtstraining durch einen Physiotherapeuten.

„Morbus Menière“ — Störungen der Endolymphe

Eine Krankheit, die ebenfalls mit Schwindel einhergeht, ist der „Morbus Menière“, benannt nach dem französischen Ohrenarzt Prosper Menière. Die Attacken treten scheinbar ohne Anlass auf. Der starke Drehschwindel  mit Hörminderung und Tinnitus kann mehrere Stunden anhalten. Hier ist die Resorption oder der Abfluss der Endolymphe im Vestibularorgan gestört oder es liegt eine Überproduktion vor. Aufgrund des Überdrucks durch die Flüssigkeit kommt es zu „Messfehlern“. Neben einer psychischen Unterstützung der an „Morbus Menière“ Erkrankten ist sowohl im akuten Stadium als auch zur Prophylaxe weiterer Anfälle eine Medikamentengabe angeraten. Bei schwerem Krankheitsverlauf kann eine operative Paukendrainage durchgeführt werden.

Vestibuläre Migräne

Ebenfalls kommt bei einem entsprechenden Symptomspektrum eine vestibuläre Migräne als Diagnose in Frage. Hier tritt das bekannteste Symptom der Migräne, der Kopfschmerz, kaum auf. Jedoch können Licht- und Lärmempfindlichkeit, Aura-Sehen und starke Übelkeit zusammen mit dem Schwindel auftreten. In solchen Fällen ist eine akute Medikamentengabe angezeigt. Medikamentöse Prophylaxe, zum Beispiel durch Betablocker, ist entlastend für den Patienten.

Vestibularisparoxysmie

Manchmal haben Patienten eine Odyssee von vielen Monaten oder Jahren hinter sich, bis sie beim Neurologen vorstellig werden. Denn wir können etwas diffizilere Rätsel lösen, was nur gelingt, wenn der Arzt genügend zuhört und dann die entscheidenden Fragen stellt. Kurze, Sekunden bis wenige Minuten anhaltende Dreh- oder Schwankschwindelattacken – teilweise mit oder ohne Tinnitus und Hörminderung – können ihre Ursache in einer pathologischen, hirnstammnahen Gefäßkompression des Gleichgewichtsnerven (VIII. Hirnnerv) haben. Erfreulicherweise stehen hier eine Reihe gut wirksamer medikamentöser Therapien zur Verfügung. Nur sehr selten ist eine mikrovaskuläre Operation indiziert.

Polyneuropathie

Ebenso gibt es eine Reihe von Patienten, die unter Gangunsicherheit und Schwankschwindel leiden, ohne eine vestibuläre Störung zu haben. Wenn die klassischen zehn Hauptdiagnosen einer Schwindelambulanz bei der Einschätzung des Krankheitsbildes eines Betroffenen berücksichtigt werden, ist durchaus häufig eine Störung der Raumwahrnehmung anderer Art zu erkennen: Hier können, beispielsweise bedingt durch periphere Nervenschädigungen, sensorische Reize aus den Stellrezeptoren der Fußgelenke, Knie etc. nicht mehr korrekt weitergeleitet werden. Ist dieser innere Abgleich der fünf Schlüsselfiguren des „Orchesters für Raumwahrnehmung“ gestört, führt das zu fehlerhaften Lageinformationen (des Menschen im Raum), so dass der Mensch „Schwindel“ empfindet. Klinisch sowie mit elektrophysiologischen Messungen ist schnell eine erste Klarheit hergestellt. Bis zu 30 – im Alltag relevante – Ursachen gehören interdisziplinär abgeklärt. Immer wieder beobachten wir dann erfreuliche Verläufe unter einfachen Therapieansätzen, zum Beispiel mit gezielten Vitaminsupplementierungen.

Weitere Ursachen

Weitere Gründe für Schwindelgefühle mit Bewegungsunsicherheiten und Stürzen sind einerseits psychische Faktoren. Seelische Belastungen als schwindelauslösende Ursachen sind häufig bei Patienten mit Ängsten oder Depressionen zu beobachten. Auslöser einer Schwindelattacke können unter anderem Angst vor Auto- und Flugreisen, Höhenangst, Klaustrophobie und ähnliches sein. 

Andererseits führen eine gründliche Anamnese sowie neurologische Untersuchung auf die Spur weiterer neurologischer Erkrankungen. Dies können etwa eine Spinalkanalenge der Halswirbelsäule oder eine Entzündung des Rückenmarks (Myelitis), seltener auch ein Rückenmarkstumor oder eine erbliche, degenerative Erkrankung sein. Ebenso können auch Drehschwindelsymptome durch kardiale/rhythmologische Erkrankungen bedingt sein. Somit kann eine Schwindelabklärung immer wieder auch eine multiprofessionelle Herausforderung darstellen. Hier ist eine gute Vernetzung von uns Neurologen mit Radiologen, HNO-Ärzten, Kardiologen, Augenärzten, Dermatologen und universitären Spezialambulanzen und weiteren Spezialisten von Nutzen.



Dr. med. Alexander Metz

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